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Kritik "Die Walküre"
an der Bayerischen Staatsoper
München im Germanen-Sturm erobert
26.06.2026 von
Bernhard Neuhoff
Endlich geht's weiter mit Wagners
"Ring" an der Bayerischen Staatsoper! Nach dem starken Auftakt
("Rheingold" hatte im Herbst 2024 Premiere) gab's hohe Erwartungen an
die "Walküre", den zweiten Teil des Zyklus'. Regisseur Tobias Kratzer
hält souverän die Balance zwischen Humor und berührendem Storytelling.
Dirigent Vladimir Jurowski spitzt das Drama zu.
Bildquelle: Monika Rittershaus
Es riecht nach Sieg. Behelmt und geharnischt kreisen
sie über München und stürmen die
Stadt. Eine Walküre im Germanenkostüm sitzt im Hubschrauber, per Funk
verbunden mit ihren Schwestern. Die preschen auf Pferden durch den
Hofgarten, sammeln im Englischen Garten eine Leiche ein und schleppen
sie über den Max-Joseph-Platz ins Nationaltheater.
Ätsch, München war früher dran
Bildquelle: Monika Rittershaus
So spielt der dritte Akt quasi nebenan im Königssaal: Der Walkürenfelsen
liegt nur ein paar Schritte entfernt von der Bühne. Und damit in dem
Gebäude, in dem die Oper fast auf den Tag genau vor 156 Jahren
uraufgeführt wurde, am 26. Juni des Jahres 1870. (Kleiner Gag am Rande: Hundings
Geländewagen trägt auf dem Nummernschild die Zahl 1870 – ein Seitenhieb
Richtung Bayreuth, dessen Festspielhaus heuer mit großem Aufwand 150.
Geburtstag feiert. Ätsch, München war früher dran.)
Apocalypse Now: Filmzitat im Selbstzitat
Die Zeiten geraten durcheinander, die Ebenen
vermischen sich: Handlung, Rezeptionsgeschichte und Gegenwart werden
übereinandergeblendet. Sowas liebt Tobias Kratzer und sowas kann sein
Team. Die Kamerafahrt durch die Stadt ins Opernhaus an den Ort des
Bühnengeschehens ist ein Selbstzitat: Schon in seiner bejubelten
Tannhäuser-Inszenierung 2019 in Bayreuth hat er diesen Kunstgriff
eingesetzt. Darüber lagert sich die Parodie einer der berühmtesten
Szenen der Filmgeschichte: Angespielt wird auf
die Kampfhubschrauber-Sequenz aus dem Vietnamkriegsepos "Apocalypse Now",
die Kinoregisseur Francis Ford Coppola mit dem
Walkürenritt unterlegte (was Wagner den Weg in die Popkultur ebnete).
Münchner "Walküre" jetzt anhören
BR Klassik hat die Premiere der "Walküre" am 25.
Juni live übertragen.
Hier können Sie den
Mitschnitt anhören.
Wagner schwebt
Die Bilder verwandeln die Musik, geben diesem
aufgepeitschten, gewalttätigen und dabei
unwiderstehlichen Soundtrack eine paradoxe Leichtigkeit. Paradox, weil
Kratzer dem lastenden Gewicht des Stoffs nicht ausweicht, sondern
frontal drauf zusteuert. Die ganze Wucht von Mythos, Germanentum und
Rezeptionsgeschichte wird sichtbar – und der bleischwere Wagner
schwebt.
Zwillinge im Stockbett: Die Vorgeschichte
Videos setzt Kratzer gern ein – nicht nur mit klugem
Humor, sondern auch für berührendes Storytelling. In schwarz-weiß
erzählt er die Vorgeschichte zur tragischen Liebe von Siegmund und
Sieglinde. Im oberen Drittel der Bühne zeigt eine Leinwand quasi im
Split-Screen die Kindheit des inzestuösen Geschwisterpaars – synchron
geschnitten zur Handlung. Eine idyllische Kleinfamilie in einer
Holzhütte im deutschen Wald. Vater Wotan sitzt mit den Kindern auf dem
Wolfsfell am Kamin, geht mit Klein-Siegmund jagen – bis plötzlich alles
niederbrennt, die Mutter ermordet und die kleine Sieglinde entführt
wird. All das sehen wir, während sich die Geschwister im Haus ihres
schlimmsten Feindes wiederbegegnen, einander erkennen und sich
ineinander verlieben. Das ist im besten Sinn unterhaltsam und
funktioniert auch psychologisch prima. Etwa, wenn man filmisch in der
Rückschau sieht, wie die beiden Kinder im Stockbett übereinander liegen,
sich die Hände reichen. Währenddessen räkelt sich in der eigentlichen
Handlung Sieglinde auf Hundings Küchentisch, unter dem ihr Bruder
sich langsam an sie heranrobbt, um ihr die Hand entgegen zu strecken...
Die Pointe: Loge war's
Am Schluss kommt raus: Loge war’s, der Feuergott. Er
hatte einst die Hütte niedergebrannt, in Frickas Auftrag – eine Pointe,
die umso stärker wirkt, als die Kampfszene zwischen Hunding und Siegmund
im Wald zwischen den Brandresten der Hütte spielt. So führt Kratzer das
Kindheitstrauma der Wälsungen-Zwillinge szenisch
überzeugend zusammen mit dem Götter-Machtkampf zwischen Wotan und seiner
Gattin Fricka.
Wotan und die Religion
Bildquelle: Monika
Rittershaus
Doch auch das
Hauptthema von "Rheingold" führt Kratzer weiter: Die Frage nach der
Macht der Religion. Was tun Götter in gottlosen Zeiten? Immerhin einer
glaubt und betet: Hunding. Er zwingt auch seine Frau
zu einengenden religiösen Ritualen. Gemeinsam knien sie vor einer
Miniaturversion des riesigen gotischen Altars, der das Bühnenbild von
"Rheingold" beherrschte. Und er opfert Fricka einen Widder. Den weidet
die Göttin mit Blut an den Händen aus, während sie Siegmunds Tod
fordert. Doch dieser Faden wirkt weitaus weniger überzeugend als im
„Rheingold“. Wotans Konflikte bleiben unklar. Seine suizidale
Verzweiflung (wiederholt ritzt er sich die Pulsadern auf) wird nicht
recht glaubhaft – schon allein durch das gewollt oder ungewollt
lächerliche Germanenkostüm im zeitgenössischen Setting.
Grandioser Sänger: Nicholas Brownlee
Umso mehr Autorität hat Wotan-Sänger Nicholas Brownlee
auf der musikalischen Ebene. Er gestaltet mit hervorragender
Textverständlichkeit (wobei, kleiner Nachteil eines großen Vorteils,
auch seine häufigen Textfehler deutlich werden). Und vor allem singt
er mit wunderbar unangestrengter Präsenz, raumfüllend, baritonal
wohlklingend und mit eindrucksvoller Tiefe. Das ist Weltklasse. Nicht
ganz ebenbürtig ist ihm Miina-Liisa Värelä als Brünnhilde. Nach einem
etwas blassen Beginn mobilisiert sie jedoch am Schluss beeindruckende
Kraftreserven, insgesamt eine absolut rollendeckende Leistung. Joachim
Bäckström als Siegmund hat ein sehr angenehmes Tenortimbre und gestaltet
den "Wonnemond" höchst nobel, wird aber am Ende des ersten Akts ein
wenig müde – was ihm zusetzt, sind offenbar die Orkanböen aus dem
Orchestergraben, entfesselt von Dirigent Vladimir Jurowski. Seine
Partnerin, die von Irene Roberts exzellent gesungene Sieglinde, ist
diesen Instrumentalstürmen bestens gewachsen und setzt sich mit ihrem
warmen, reichen und emotional berührenden Mezzosopran mühelos durch.
Vladimir Jurowski entfesselt das Drama
In die Vollen geht Vladimir Jurowski. Er setzt auf
scharfe Kontraste, nicht auf Raffinesse. Statt die Farben in
schillernden Mischungen verschmelzen zu lassen, lässt er die
verschiedenen Klanggruppen lieber plastisch und al fresco hervortreten –
kein schlechtes Konzept, aber manchmal wirkt das etwas grob. Und man
wünscht sich eine sorgfältigere Staffelung der Dynamik: Jurowski
tendiert dazu, zu früh zu laut zu werden, was den Höhepunkten Wirkung
nimmt. Aber weil er so leidenschaftlich das Drama entfesselt und in
jeder Sekunde engagiert erzählt, gelingt ihm dennoch ein mitreißendes Dirigat.
Insgesamt ist der Abend nicht ganz so überzeugend wie das fulminante
"Rheingold". Absolut sehens- und hörenswert ist er allemal.
Kritikerrunde zur Premiere der "Walküre"
Kritisches Trio zur Premiere der "Walküre":
Florian Zinnecker (DIE ZEIT), Egbert Tholl (SZ) und Bernhard Neuhoff
(BR-Klassik) diskutieren über die Inszenierung. Moderation: Sylvia
Schreiber.
Hier können Sie die Kritikerrunde anhören.
Autor:
Bernhard Neuhoff
Sendung: "Allegro" am 26. Juni 2026 ab 6:05 Uhr
auf BR-Klassik
Zitatende
Quelle:
https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/kritik-walkuere-muenchen-staatsoper-opernfestspiele-kratzer-100.html |