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04.01.2010 - dradio.de

 


Thema des Tages

Der neue Ring
an der Bayerischen Staatsoper

 

Kritik "Die Walküre"
an der Bayerischen Staatsoper
München im Germanen-Sturm erobert

Endlich geht's weiter mit Wagners "Ring" an der Bayerischen Staatsoper! Nach dem starken Auftakt ("Rheingold" hatte im Herbst 2024 Premiere) gab's hohe Erwartungen an die "Walküre", den zweiten Teil des Zyklus'. Regisseur Tobias Kratzer hält souverän die Balance zwischen Humor und berührendem Storytelling. Dirigent Vladimir Jurowski spitzt das Drama zu.


Bildquelle: Monika Rittershaus

 

Es riecht nach Sieg. Behelmt und geharnischt kreisen sie über München und stürmen die Stadt. Eine Walküre im Germanenkostüm sitzt im Hubschrauber, per Funk verbunden mit ihren Schwestern. Die preschen auf Pferden durch den Hofgarten, sammeln im Englischen Garten eine Leiche ein und schleppen sie über den Max-Joseph-Platz ins Nationaltheater.  

Ätsch, München war früher dran


 Bildquelle: Monika Rittershaus


So spielt der dritte Akt quasi nebenan im Königssaal: Der Walkürenfelsen liegt nur ein paar Schritte entfernt von der Bühne. Und damit in dem Gebäude, in dem die Oper fast auf den Tag genau vor 156 Jahren uraufgeführt wurde, am 26. Juni des Jahres 1870. (Kleiner Gag am Rande: Hundings Geländewagen trägt auf dem Nummernschild die Zahl 1870 – ein Seitenhieb Richtung Bayreuth, dessen Festspielhaus heuer mit großem Aufwand 150. Geburtstag feiert. Ätsch, München war früher dran.) 

Apocalypse Now: Filmzitat im Selbstzitat

Die Zeiten geraten durcheinander, die Ebenen vermischen sich: Handlung, Rezeptionsgeschichte und Gegenwart werden übereinandergeblendet. Sowas liebt Tobias Kratzer und sowas kann sein Team. Die Kamerafahrt durch die Stadt ins Opernhaus an den Ort des Bühnengeschehens ist ein Selbstzitat: Schon in seiner bejubelten Tannhäuser-Inszenierung 2019 in Bayreuth hat er diesen Kunstgriff eingesetzt. Darüber lagert sich die Parodie einer der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte: Angespielt wird auf die Kampfhubschrauber-Sequenz aus dem Vietnamkriegsepos "Apocalypse Now", die Kinoregisseur Francis Ford Coppola mit dem Walkürenritt unterlegte (was Wagner den Weg in die Popkultur ebnete). 

Münchner "Walküre" jetzt anhören

BR Klassik hat die Premiere der "Walküre" am 25. Juni live übertragen.
Hier können Sie den Mitschnitt anhören.



Wagner schwebt

Die Bilder verwandeln die Musik, geben diesem aufgepeitschten, gewalttätigen und dabei unwiderstehlichen Soundtrack eine paradoxe Leichtigkeit. Paradox, weil Kratzer dem lastenden Gewicht des Stoffs nicht ausweicht, sondern frontal drauf zusteuert. Die ganze Wucht von Mythos, Germanentum und Rezeptionsgeschichte wird sichtbar – und der bleischwere Wagner schwebt.  

Zwillinge im Stockbett: Die Vorgeschichte

Videos setzt Kratzer gern ein – nicht nur mit klugem Humor, sondern auch für berührendes Storytelling. In schwarz-weiß erzählt er die Vorgeschichte zur tragischen Liebe von Siegmund und Sieglinde. Im oberen Drittel der Bühne zeigt eine Leinwand quasi im Split-Screen die Kindheit des inzestuösen Geschwisterpaars – synchron geschnitten zur Handlung. Eine idyllische Kleinfamilie in einer Holzhütte im deutschen Wald. Vater Wotan sitzt mit den Kindern auf dem Wolfsfell am Kamin, geht mit Klein-Siegmund jagen – bis plötzlich alles niederbrennt, die Mutter ermordet und die kleine Sieglinde entführt wird. All das sehen wir, während sich die Geschwister im Haus ihres schlimmsten Feindes wiederbegegnen, einander erkennen und sich ineinander verlieben. Das ist im besten Sinn unterhaltsam und funktioniert auch psychologisch prima. Etwa, wenn man filmisch in der Rückschau sieht, wie die beiden Kinder im Stockbett übereinander liegen, sich die Hände reichen. Währenddessen räkelt sich in der eigentlichen Handlung Sieglinde auf Hundings Küchentisch, unter dem ihr Bruder sich langsam an sie heranrobbt, um ihr die Hand entgegen zu strecken... 


Die Pointe: Loge war's

Am Schluss kommt raus: Loge war’s, der Feuergott. Er hatte einst die Hütte niedergebrannt, in Frickas Auftrag – eine Pointe, die umso stärker wirkt, als die Kampfszene zwischen Hunding und Siegmund im Wald zwischen den Brandresten der Hütte spielt. So führt Kratzer das Kindheitstrauma der Wälsungen-Zwillinge szenisch überzeugend zusammen mit dem Götter-Machtkampf zwischen Wotan und seiner Gattin Fricka. 

Wotan und die Religion


Bildquelle: Monika Rittershaus

 Doch auch das Hauptthema von "Rheingold" führt Kratzer weiter: Die Frage nach der Macht der Religion. Was tun Götter in gottlosen Zeiten? Immerhin einer glaubt und betet: Hunding. Er zwingt auch seine Frau zu einengenden religiösen Ritualen. Gemeinsam knien sie vor einer Miniaturversion des riesigen gotischen Altars, der das Bühnenbild von "Rheingold" beherrschte. Und er opfert Fricka einen Widder. Den weidet die Göttin mit Blut an den Händen aus, während sie Siegmunds Tod fordert. Doch dieser Faden wirkt weitaus weniger überzeugend als im „Rheingold“. Wotans Konflikte bleiben unklar. Seine suizidale Verzweiflung (wiederholt ritzt er sich die Pulsadern auf) wird nicht recht glaubhaft – schon allein durch das gewollt oder ungewollt lächerliche Germanenkostüm im zeitgenössischen Setting. 

Grandioser Sänger: Nicholas Brownlee

Umso mehr Autorität hat Wotan-Sänger Nicholas Brownlee auf der musikalischen Ebene. Er gestaltet mit hervorragender Textverständlichkeit (wobei, kleiner Nachteil eines großen Vorteils, auch seine häufigen Textfehler deutlich werden). Und vor allem singt er mit wunderbar unangestrengter Präsenz, raumfüllend, baritonal wohlklingend und mit eindrucksvoller Tiefe. Das ist Weltklasse. Nicht ganz ebenbürtig ist ihm Miina-Liisa Värelä als Brünnhilde. Nach einem etwas blassen Beginn mobilisiert sie jedoch am Schluss beeindruckende Kraftreserven, insgesamt eine absolut rollendeckende Leistung. Joachim Bäckström als Siegmund hat ein sehr angenehmes Tenortimbre und gestaltet den "Wonnemond" höchst nobel, wird aber am Ende des ersten Akts ein wenig müde – was ihm zusetzt, sind offenbar die Orkanböen aus dem Orchestergraben, entfesselt von Dirigent Vladimir Jurowski. Seine Partnerin, die von Irene Roberts exzellent gesungene Sieglinde, ist diesen Instrumentalstürmen bestens gewachsen und setzt sich mit ihrem warmen, reichen und emotional berührenden Mezzosopran mühelos durch.  


Vladimir Jurowski entfesselt das Drama

In die Vollen geht Vladimir Jurowski. Er setzt auf scharfe Kontraste, nicht auf Raffinesse. Statt die Farben in schillernden Mischungen verschmelzen zu lassen, lässt er die verschiedenen Klanggruppen lieber plastisch und al fresco hervortreten – kein schlechtes Konzept, aber manchmal wirkt das etwas grob. Und man wünscht sich eine sorgfältigere Staffelung der Dynamik: Jurowski tendiert dazu, zu früh zu laut zu werden, was den Höhepunkten Wirkung nimmt. Aber weil er so leidenschaftlich das Drama entfesselt und in jeder Sekunde engagiert erzählt, gelingt ihm dennoch ein mitreißendes Dirigat. Insgesamt ist der Abend nicht ganz so überzeugend wie das fulminante "Rheingold". Absolut sehens- und hörenswert ist er allemal. 

Kritikerrunde zur Premiere der "Walküre"

Kritisches Trio zur Premiere der "Walküre": Florian Zinnecker (DIE ZEIT), Egbert Tholl (SZ) und Bernhard Neuhoff (BR-Klassik) diskutieren über die Inszenierung. Moderation: Sylvia Schreiber. Hier können Sie die Kritikerrunde anhören.

 Autor: Bernhard Neuhoff

Sendung: "Allegro" am 26. Juni 2026 ab 6:05 Uhr auf BR-Klassik

Zitatende
Quelle:
https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/kritik-walkuere-muenchen-staatsoper-opernfestspiele-kratzer-100.html

 

 

 

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Als Zeitungs- / Theater-Abonnent und Abnehmer von voll bezahlten Eintrittskarten aus dem freien Verkauf verstehe ich diese Besprechungen und Kommentare nicht als Kritik um der Kritik willen,
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Dieter Hansing
 

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